Der Kult-Wäscheladen aus dem Tellkamp-Buch setzt seit 80 Jahren auf traditionelle Handarbeit
Dresdner Neuste Nachrichten vom 27. Dezember 2010
Von JANE JANNKE
"Die Teufelsbrüderbande [...] drückte sich am Schaufenster der Miederwarenhandlung die Nasen platt, bis uns Inhaberin Ruth Vogel, nach der das Geschäft Busen-Vogel genannt wurde, hineinbat und erste Auskünfte über Körbchengrößen, stoffliche und sonstige Beschaffenheit dieser den Frauen vorbehaltenen Kleidungsstücke erteilte [...]. Bewundernswert war die Widerstandskraft eines solchen Geschäfts unter den Großlasten jener Jahre, die man mit ?Völker, hört die Signale?, Waldsterben und Atomkrieg bezeichnen kann [...]."
So lesen sich die Jugenderinnerungen des Bestseller-Autors Uwe Tellkamp in seinem neuesten Werk "Die Schwebebahn" an das für den Knaben mythenumwobene Miederwarengeschäft "Evana" am Weißen Hirsch. Bewundernswert ist allerdings auch, wie das 1930 gegründete Familienunternehmen die Großlasten der Nachwendejahre überstand, ohne an der geballten Konkurrenz der Billiganbieter und den sich rasant ändernden Modetrends zu scheitern.
Seit 80 Jahren steht "Evana" für klassische Miederwaren ? gefertigt hauptsächlich nach Schnittmustern, die Firmengründer Martin Vogel in den 1930er- bis 50er-Jahren entwarf. Betritt man heute das kleine, von außen unscheinbare Geschäft an der Plattleite, wähnt man sich in eine andere Zeit versetzt: Die Wände im warmen Pflaumenton, die Umkleide mit schweren Brokatvorhängen, dazu antike Anrichten und Glasregale, in denen sich bis unter die Decke Baumwolle und Spitze, vornehmlich in Weiß, Schwarz und Hautfarbe, türmen. In der Nähwerkstatt lagern Stapel vergilbter Kisten mit Verschlüssen und Garnen, viele noch mit Einzelhandelsverkaufspreisen aus DDR-Zeiten ausgewiesen.
Andrea Richter (60) und Angelika Kirst (57) lachen herzlich über die Tellkamp-Erinnerungen. Beide gehören hier zum Inventar: Angelika Kirst ist seit 1968 im Geschäft, ihre Kollegin kam 1989 dazu. Ja, der Tellkamp, erst neulich sei er mit seiner Frau da gewesen, die auch gekauft habe. Das Geschäft lebt von Stammkunden. Vor allem Frauen, die von der Stange nichts Passendes finden, lassen sich hier ihre Wäsche auf den Leib schneidern. Zwischen 80 und mehr als 100 Euro kostet solch ein handgefertigter Büstenhalter. Das DDR-Kultmodell "Große Extra-Hebe" fertige man heute allerdings nicht mehr, lacht Angelika Kirst und holt ein imposantes fleischfarbenes Exemplar hervor, das entfernt einem spitzenverzierten Kopfkissenbezug ähnelt.
Doch trotz des wenig innovativen Angebotes: "Evana schreibt schwarze Zahlen, erwirtschaftet keinen Verlust." Der Mann, der das sagt, ist Dr. Christian Heintze ? paradoxerweise seit vergangenem Jahr Insolvenzverwalter des letzten Eigentümers Tino Vogel: Offiziell ist Evana Mieder insolvent. Im Gegensatz zu Eltern und Großeltern war Vogel junior dem Geschäft weniger verbunden, betrieb parallel eine Weinhandlung in Bühlau, für die er immer mehr Mittel vom Miederwarengeschäft abzog. Zuerst wurde die Belegschaft, dann das Sortiment verkleinert, später die Ladenräume. In Werbung wurde bald nichts mehr investiert.
"Klassischer Fall von missglücktem Generationenwechsel", erklärt Heintze, der einen Nachfolger für das Traditionsgeschäft sucht. "Es braucht jemanden, der die Wäschebranche gut kennt und bereit ist, ein Familienunternehmen mit Rücksicht auf den gewachsenen Kundenstamm weiterzuführen." Das klassische Sortiment aus Maß- und Spezialanfertigungen sei erfolgreich und solle erhalten bleiben. Es müsse allerdings erweitert werden, um auch jüngere Kunden anzusprechen.
Über das Verhältnis zum ehemaligen Chef reden die beiden langjährigen Mitarbeiterinnen ungern: "Seit einem Jahr ist er nicht mehr da gewesen", meint Andrea Richter bitter. "Früher haben wir hier zusätzlich Bikinis und Wäsche von Triumph verkauft - das kam super an. Doch das hat Herr Vogel dann nach und nach zurückgefahren, und wir mussten immer öfter enttäuschte Kunden wegschicken."
Ein mögliches Ende des Miederladens ist für beide undenkbar. Angelika Kirst, die hier vor 40 Jahren ihre Lehre absolviert hat, kommen die Tränen bei dem Versuch, diesen Gedanken ganz weit wegzuschieben.
Insolvenzverwalter Heintze kann derweil beruhigen: "Derzeit ist eine Auflösung des Geschäftes kein Thema." Die beiden guten Seelen des Hauses sind auch für ihn unveräußerlich: "Sie sind so sehr mit dem Laden und seinen Kunden verbunden - ein wertvoller Schatz, den es zu hüten gilt." Das würde sicherlich auch Schriftsteller Uwe Tellkamp ohne zu zögern unterschreiben.
Mit der Insolvenzverwaltung ist Rechtsanwalt Dr. Christian Heintze betraut. Interessenten, die sich über eine Nachfolge informieren möchten, können unter Telefon +49 351 482916-0 Kontakt aufnehmen.