Mitteldeutsche Zeitung vom 16. November 2011
Lucas-Cranach-Gymnasium macht Unterricht mit Rechtsanwalt
VON STEFANIE HÜMMERS
WITTENBERG/MZ - Zahlreiche Studien klagen darüber: Das Wirtschaftswissen von Schülern ist vielfach mangelhaft. Ökonomie ist als Fach in den Lehrplänen der einzelnen Bundesländer allenfalls fakultativ vorgesehen. Ob und wie volkswirtschaftliche Zusammenhänge im Unterricht behandelt werden, hängt von der Initiative einzelner Pädagogen ab.
Tilo Friedrich weiß um die Problematik und versucht, seinen Schülern das nötige Rüstzeug für das Verständnis komplexer ökonomischer Zusammenhänge in einer globalisierten Welt an die Hand zu geben. Das Aufstellen von Businessplanen, das Lesen von Unternehmensbilanzen und nicht zuletzt die Bedeutung wirtschaftspolitischer Weichenstellungen wie bei den Konjunkturpaketen der Bundesregierung sind für den Lehrer am Lucas-Cranach-Gymnasium unabdingbare Bestandteile des Unterrichts. "Wenn die hier rausgehen, sollen sie In der Lage sein, den Wirtschaftsteil einer Zeitung nicht nur zu lesen, sondern auch zu verstehen", so sein Anspruch an die Schüler des Wahlpflichtkurses Wirtschaft der 12. Klasse.
In der jüngsten Unterrichtsstunde hatten die angehenden Abiturienten Gelegenheit, einem Mann aus der Praxis Löcher in den Bauch zu fragen. Christian Heintze ist zwar kein Wirtschaftswissenschaftler, sondern Rechtsanwalt. Doch sein Berufsalltag ist geprägt von Entscheidungen mit unmittelbarer wirtschaftlicher Tragweite. Heintze arbeitet als Insolvenzverwalter in einer renommierten Kanzlei mit bundesweiten Dependancen. Wo Privatleute überschuldet sind oder Firmen - gleich welcher Branche - vor dem Konkurs stehen, Ist er der Mann der Stunde und nicht immer ein gern gesehener Gast, wie der promovierte Jurist unumwunden zugibt. Schließlich schwingt die Angst vor Arbeitsplatzverlust bei insolventen Unternehmen immer mit. "Aber Kündigungen auszusprechen ist nicht meine erste Tat", unterstreicht er, manchmal ließen sie sich indes auch nicht vermeiden.
Wer ihn eigentlich bezahle, wenn das Unternehmen doch insolvent sei, wollen die Schüler wissen, wie er sich in die unterschiedlichen Branchen einarbeite, was die Unterschiede zwischen Privat und Unternehmensinsolvenz sind und ob er auch Griechenland vertreten könnte? Die jungen Frauen und Männer erfahren, dass es durchaus noch Vermögenswerte in insolventen Firmen gibt, dass ein Insolvenzverfahren letztlich in allen Sparten nach ähnlichen Verfahren abläuft und dass Heintze für die Hellenen nicht zuständig ist. "Für die Insolvenz von Staaten gibt es wie aktuell erlebbar kein Regelwerk - noch nicht!" In der Bundesrepublik werden indes schon Ansätze diskutiert, den Umgang mit überschuldeten Kommunen in einen insolvenzrechtlichen Rahmen zu gießen, so der Rechtsanwalt.
Die angesprochenen Beispiele machten nicht zuletzt deutlich warum Bildungsforscher schon seit geraumer Zeit mehr Raum in die Vermittlung von Wirtschaftswissen in der Schule fordern. Schließlich ist ökonomische Bildung auch für die politische Willensbildung von entscheidender Bedeutung. Um Konzepte von Parteien, von Regierungs- und Oppositionsvertretern beurteilen zu können, ist Ökonomisches Grundwissen unverzichtbar, auf kommunaler wie auf internationaler Ebene. Denn ob Haushaltssperre oder Rettungsschirm, die Auswirkungen treffen jeden Einzelnen.